Statik · Kräfte mit gemeinsamem Angriffspunkt
Statik · Kräfte mit gemeinsamem Angriffspunkt
Alle Kräfte durch einen Punkt
Greifen mehrere Kräfte am selben Punkt an — oder laufen ihre Wirkungslinien durch einen gemeinsamen Punkt — bilden sie eine zentrale Kräftegruppe. Für sie reichen zwei Fragen: die nach der Resultierenden und die nach dem Gleichgewicht. Beide beantwortet dieses Modul am selben durchgehenden Beispiel (hier „Leitsystem“ genannt): einer Wandkonsole aus zwei Stäben, an deren Knoten eine Last hängt. Der Weg dorthin ist der Arbeitsablauf jeder Statik-Aufgabe: freischneiden, Freikörperbild zeichnen, Gleichgewichtsbedingungen aufstellen, auflösen.
Löse die Aufgabe dieses Kapitels, um weiterzulesen.
Die Wandkonsole — zwei Stäbe tragen eine Last
Die Konsole ist hier die gesamte Wandhalterung aus beiden Stäben. Rechts hängt eine Last am Knoten einer Wandkonsole: Stab 1 läuft waagerecht zur Wand, Stab 2 stützt schräg unter dem Winkel nach unten ab. Beide Stäbe sind an ihren Enden gelenkig angeschlossen und nur dort belastet — ein solcher Stab heißt Zweikraftglied und kann nur Kräfte längs seiner Achse übertragen: Zug oder Druck, nichts anderes. Diese Kraft gibt er unverändert von einem Ende zum anderen weiter.
Konstruiert wird die Konsole über ihre Maße: die Ausladung — wie weit der Knoten von der Wand absteht — und den senkrechten Abstand der beiden Wandanschlüsse. Der Winkel ist dann kein Wunschwert mehr, sondern ein Ergebnis der Geometrie:
Verstelle , und mit den Reglern: Die Maßketten in der Ansicht rechts wandern mit, und die Zelle zeigt, welcher Winkel dabei herauskommt. Die Werte-Box nennt auch die beiden Stabkräfte — als Messwerte zum Ausprobieren; hergeleitet werden sie in Kapitel 05.
Eine Kräftegruppe heißt zentral, wenn die Wirkungslinien aller beteiligten Kräfte durch einen gemeinsamen Punkt laufen. Bezogen auf diesen Punkt hat dann keine der Kräfte einen Hebelarm — es entstehen keine Momente, und für das Gleichgewicht genügen die Kraft-Bedingungen; Momente kommen erst im nächsten Modul dazu. Ob und wo die Wandkonsole diese Bedingung erfüllt, findest du in Kapitel 02 selbst heraus.
Die Ausladung und der Abstand der Wandanschlüsse werden beide verdoppelt. Die Last bleibt gleich. Wie verändern sich die Stabkräfte?
Der Schnitt macht die Kräfte sichtbar
Jetzt folgt der wichtigste Schritt der Statik: Freischneiden. Wer freischneidet, trennt ein Stück aus dem Tragwerk heraus und ersetzt jede durchtrennte Verbindung durch die Kraft, die sie überträgt — vorher unsichtbare innere Kräfte werden zu äußeren Kräften am herausgetrennten Teil.
Wo geschnitten wird, ist dabei eine Entscheidung, und sie bestimmt alles Weitere: An jeder Schnittstelle erscheint genau die Kraft, die das weggeschnittene Teil auf das verbleibende ausübt. Ein Schnitt, in dem die gesuchten Größen gar nicht vorkommen, hilft nicht weiter — welche Stelle für die Frage nach den beiden Stabkräften die richtige ist, entscheidest du gleich selbst.
Ein Zugstab wird gedehnt, seine Schnittkraft zieht an beiden Schnittufern nach außen — das Vorzeichen ist positiv. Ein Druckstab wird gestaucht, die Kraft drückt auf die Schnittufer — bei Zugannahme wird ihr Wert negativ. Das Vorzeichen ist also keine Rechenlaune, sondern die Antwort auf die Frage: zieht der Stab oder stützt er?
Mitmach-Aufgabe: Übe den Knotenfreischnitt an der Wandkonsole in der Ansicht rechts. Wähle den Punkt, an dem beide Stabkräfte und die Last eine zentrale Kräftegruppe bilden. Trenne diesen Knoten von beiden Stäben und der Lastaufhängung und zeichne die drei Kräfte ein. Ein vollständiger Freischnitt an den Wandanschlüssen ist ebenfalls ein möglicher Ansatz; hier üben wir gezielt den Knotenfreischnitt. Bei den Stabkräften ist der Richtungssinn frei: Du kannst sie als Zug (vom Knoten weg) oder als Druck (zum Knoten hin) ansetzen — nur auf der Stabachse müssen sie liegen. Welche Annahme zutraf, verrät später das Vorzeichen. Festgelegt ist allein die Last.
Vereinbarung ab hier: Üblich ist die Zugannahme — man setzt Stabkräfte als Zug an, die Pfeile zeigen also vom Schnittpunkt weg. Zwingend ist das nicht; die Annahme muss nur konsequent durchgehalten werden. Kommt ein negativer Wert heraus, wirkt die Kraft entgegen der Annahme: Der Stab drückt. Die Ansicht rechts rechnet von nun an mit dieser Vereinbarung.
Zusammensetzung von Kräften in der Ebene
Am freigeschnittenen Knoten greifen jetzt drei Kräfte an. Nimm zwei davon heraus — die Last und die Stabkraft : Welche eine Kraft könnte beide ersetzen?
Die Antwort gibt der Satz vom Parallelogramm der Kräfte: Greifen an einem Punkt zwei Kräfte und an, lassen sie sich durch eine einzige Kraft gleichwertig ersetzen. Die Resultierende ergibt sich in Größe und Richtung als Diagonale des von und aufgespannten Parallelogramms. Diese Bestimmung der Resultierenden heißt auch Reduktion — die Kräftegruppe wird auf eine einzige äquivalente Kraft reduziert.
Zeichnerisch genügt das halbe Parallelogramm, also ein Kräftedreieck. Dabei geht zwar verloren, dass die Wirkungslinien durch einen Punkt laufen — dafür lässt sich die Konstruktion auf beliebig viele Kräfte ausdehnen: Im werden die Kräfte in beliebiger Reihenfolge aneinandergefügt, und zeigt vom Anfangspunkt zum Endpunkt dieses Kräftepolygons (Kraftecks).
Analytisch löst man die Aufgabe an einer Skizze des Kräftedreiecks. Bekannt sind die Beträge , und der Winkel zwischen ihnen; der Kosinussatz liefert den Betrag der Resultierenden, der Sinussatz den Winkel ihrer Wirkungslinie gegenüber . Achtung auf die Bezeichnungen: ist der Winkel zwischen zwei Kräften — bleibt in diesem Modul die Neigung von Stab 2. Im Lehrbuch steht an dieser Stelle , weil dort kein Tragwerk daneben liegt:
Bei vielen Kräften rechnet man, statt zu zeichnen: Alle x-Anteile und alle y-Anteile werden getrennt addiert, und aus den beiden Summen folgen Betrag und Richtung der Resultierenden.
Der Satz vom Parallelogramm der Kräfte ist keine Rechenregel, sondern eine Erfahrungstatsache — ein Axiom: Die Wirkung zweier an einem Punkt angreifender Kräfte ist äquivalent der Wirkung einer Kraft, die aus der Parallelogrammkonstruktion folgt. Geometrisch entspricht das der Vektoraddition. Die Beträge dürfen nur dann addiert werden, wenn beide Kräfte dieselbe Richtung haben.
Zwei gleich große Kräfte wirken unter 90° zueinander. Wie groß ist die Resultierende?
Zerlegung von Kräften, Komponentendarstellung
Ähnlich wie man Kräfte zusammensetzen kann, kann man sie auch zerlegen: Eine Kraft wird durch zwei Kräfte mit vorgegebenen Wirkungslinien ersetzt — man legt dazu durch Anfangs- und Endpunkt je eine der beiden Richtungen. Die beiden Kräfte heißen Komponenten bezüglich dieser Richtungen. Am gebräuchlichsten sind die Richtungen der Koordinatenachsen; die schräge Stabkraft zerlegt sich am Winkel in
Der Kosinus gehört zur Ankathete (waagerecht), der Sinus zur Gegenkathete (senkrecht) — mit welchem Vorzeichen die Anteile in die Bilanz eingehen, folgt aus dem Richtungssinn des Pfeils im Freikörperbild. Die Herleitung unten baut die Zerlegung Schritt für Schritt auf — die Ansicht rechts zeichnet jede Komponente mit, sobald ihre Zeile erscheint. Verstelle danach und beobachte, wie sich die beiden Anteile gegeneinander verschieben.
Der Winkel wird kleiner, Stab 2 steht flacher. Was passiert mit dem Betrag der Stabkraft ?
Gleichgewicht in der Ebene
Eine zentrale Kräftegruppe ist im Gleichgewicht, wenn die Vektorsumme aller Kräfte — also die Resultierende — null ist; eine solche Gruppe heißt Gleichgewichtsgruppe. Geometrisch bedeutet das: Das Krafteck ist geschlossen, Anfangs- und Endpunkt fallen zusammen. Der Linienzug aus , und schließt sich. Rechts liegt dafür das Gerüst bereit: die Last maßstäblich und die beiden Wirkungslinien aus dem Freikörperbild. Ihre Lage folgt aus der Reihung — die Linie von geht durch die Spitze von , weil dort die nächste Kraft ansetzt, und die von durch den Anfang, weil die Kette dort wieder ankommen muss. Die Herleitung unten füllt beide Linien Zeile für Zeile mit Länge. Rechnerisch ist das Gleichgewicht der zentralen ebenen Kräftegruppe:
Diesen beiden skalaren Gleichgewichtsbedingungen ist die Vektorgleichung äquivalent. Mit ihnen lassen sich höchstens zwei Unbekannte bestimmen — hier genau die zwei Stabkräfte. Solche Probleme heißen statisch bestimmt; treten mehr Unbekannte auf, ist die Aufgabe statisch unbestimmt.
Mitmach-Aufgabe: Baue die Konsole über und so, dass der Betrag der Stabkraft genau doppelt so groß wird wie die Last .
Zentrale Kräftegruppen im Raum
Räumlich kommt eine dritte Richtung dazu — am Prinzip ändert sich nichts. Die Ansicht rechts zeigt denselben Knoten, jetzt von drei Stäben gehalten:
Drei Gleichungen für bis zu drei Unbekannte. Neu ist allein das Zerlegen: Die Merkregel „cos zur Ankathete, sin zur Gegenkathete“ trägt im Raum nicht mehr, weil eine Stabachse nicht mehr durch einen Winkel festgelegt ist. Stattdessen liest man die Richtung an den Koordinaten ab. Zeigt der Stab vom Knoten zum Punkt , so ist der Richtungsvektor, und die Kraft folgt aus ihrem Betrag mal dem Einheitsvektor:
Die drei Faktoren heißen Richtungskosinus — die Kosinus der Winkel zwischen der Kraft und den drei Achsen. Sie sind nicht unabhängig voneinander, sondern erfüllen stets
Damit ist der Weg derselbe wie in der Ebene: freischneiden, jede Kraft über ihren Einheitsvektor in Komponenten zerlegen, komponentenweise bilanzieren, auflösen. Übungsblatt 2 der Vorlesung trainiert genau diesen Fall.
Am ebenen zentralen Knoten stehen genau zwei Kraftbilanzen zur Verfügung — er trägt also höchstens zwei unbekannte Stabkräfte, im Raum entsprechend drei. Vorausgesetzt, die Stabachsen sind nicht parallel: Fallen zwei Wirkungslinien zusammen, sagen beide Bilanzen dasselbe und die Aufgabe bleibt trotz passender Abzählung unlösbar. Kommt ein weiterer Stab hinzu, ist der Knoten statisch unbestimmt: Das Gleichgewicht allein verteilt die Kräfte dann nicht mehr eindeutig, erst die Verformung der Stäbe entscheidet.
Ein räumlicher Knoten verbindet vier Stäbe unter einer Last. Warum lassen sich die Stabkräfte mit dem Kraftgleichgewicht allein nicht mehr eindeutig bestimmen?
Kontrollrechnungen
Alle Ergebnisse für die Beispielwerte des Leitsystems — zum Nachrechnen von Hand.
Stabkraft 2
Negativ bei Zugannahme: Stab 2 stützt — er steht unter Druck.
Stabkraft 1
Positiv: Stab 1 zieht den Knoten zur Wand — er trägt auf Zug.
Probe im Krafteck
Die drei Pfeile bilden ein geschlossenes Dreieck — Gleichgewicht.
Quellen: Gross/Hauger/Schröder/Wall, Technische Mechanik 1 (Springer) · Vorlesung Technische Mechanik I (HSO, SoSe 2026).
Weiter zu den drei Übungsaufgaben — vom Konzeptcheck zum vollen Lösungsweg: Freikörperbild bauen, Gleichungen aufstellen, Formel herleiten.
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