Statik · Allgemeine Kraftsysteme und Gleichgewicht des starren Körpers
Statik · Allgemeine Kraftsysteme und Gleichgewicht des starren Körpers
Wenn die Wirkungslinien sich nicht treffen
Im vorigen Kapitel liefen alle Wirkungslinien durch einen Punkt — dort gab es keine Hebelarme und damit keine Drehwirkung. Sobald die Kräfte an verschiedenen Stellen eines starren Körpers angreifen, ändert sich das: Der Körper kann sich nicht nur verschieben, sondern auch drehen. Dafür braucht die Statik eine zweite Größe neben der Kraft — das Moment. Dieses Modul entwickelt sie am Wandschwenkkran: einem waagerechten Ausleger, den eine Zugstrebe hält und auf dem eine Laufkatze ihre Last verschiebt.
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Der Wandschwenkkran
Rechts hängt eine Laufkatze mit der Last auf einem waagerechten Ausleger. Der Ausleger ist bei an der Wand angeschlossen; eine Zugstrebe läuft vom Wandpunkt zum Auslegerende und hält ihn oben. Die Laufkatze lässt sich verschieben — und genau darin liegt der Unterschied zum vorigen Modul: Dieselbe Last wirkt je nach Stellung ganz verschieden auf den Kran.
Verstelle die Laufkatze mit dem Regler und beobachte die Werte-Box. Die Strebenkraft wächst, je weiter die Last nach außen wandert, obwohl gleich bleibt. Woran das liegt, entwickeln die nächsten Kapitel.
Eine Kraft darf ohne Änderung ihrer Wirkung längs ihrer Wirkungslinie verschoben werden — sie ist ein linienflüchtiger Vektor. Quer dazu gilt das nicht: Wer eine Kraft parallel verschiebt, ändert ihre Wirkung auf den Körper. Was dabei hinzukommt, ist das Thema von Kapitel 04. Die Linienflüchtigkeit ist übrigens an den starren Körper gebunden; ein verformbarer Körper spürt sehr wohl, wo eine Kraft angreift.
Die Laufkatze fährt bei gleichbleibender Last weiter nach außen. Was passiert mit der Strebenkraft ?
Der Schnitt am starren Körper
Der Arbeitsablauf bleibt derselbe wie im vorigen Modul: freischneiden, Freikörperbild zeichnen, Gleichgewichtsbedingungen aufstellen, auflösen. Neu ist, dass die Kräfte jetzt an verschiedenen Stellen des herausgetrennten Körpers angreifen — das Freikörperbild muss also nicht nur zeigen, welche Kräfte wirken, sondern auch wo.
Welcher Körper herausgetrennt wird, ist wieder eine Entscheidung. Gesucht sind die Strebenkraft und die Kräfte am Wandanschluss — ein Schnitt, der nur eine davon freilegt, hilft nicht weiter.
Die Zugstrebe ist an beiden Enden gelenkig angeschlossen und nur dort belastet — ein Zweikraftglied, ihre Kraft liegt also auf der Stabachse. Der Wandanschluss des Auslegers ist ein Gelenk: Er hält in beide Richtungen fest, lässt den Ausleger aber drehen. Dort werden deshalb zwei Kräfte frei — und —, aber kein Moment.
Mitmach-Aufgabe: Schneide selbst frei — zuerst entscheidest du, welchen Körper du heraustrennst, danach trägst du die Kräfte an ihren Angriffspunkten an. Bei der Strebenkraft darfst du Zug oder Druck annehmen; die Lagerkräfte trägst du in Richtung der Koordinatenachsen an.
Parallele Kräfte und das Kräftepaar
Zwei parallele Kräfte lassen sich zu einer Resultierenden zusammenfassen: Ihr Betrag ist die algebraische Summe, , und ihre Wirkungslinie liegt so zwischen ihnen, dass das Hebelgesetz von Archimedes erfüllt ist:
Diese Konstruktion versagt in genau einem Fall — wenn die beiden Kräfte gleich groß und entgegengesetzt gerichtet sind. Dann wird und die Abstände laufen ins Unendliche. Ein solches Paar heißt Kräftepaar und lässt sich nicht auf eine einzelne Kraft reduzieren.
Unter einem Kräftepaar versteht man zwei gleich große, entgegengesetzt wirkende Kräfte auf parallelen Wirkungslinien. Seine resultierende Kraft ist null — trotzdem hat es eine Wirkung: Es versucht, den Körper zu drehen. Alltagsbeispiele sind das Ventilrad, der Schraubendreher im Schraubenschlitz und der eingespannte Balken, dessen Ende verdreht wird.
Beschrieben wird diese Drehwirkung durch das Moment des Kräftepaars: seinen Betrag und seinen Drehsinn, den wir als gebogenen Pfeil zeichnen. Die Einheit ist das Newtonmeter — geschrieben mit der Länge hinter der Kraft, damit keine Verwechslung mit dem Milli-Newton entsteht.
Ein und dasselbe Kräftepaar hat beliebig viele äquivalente Darstellungen: Man darf die Kräfte verkleinern und den Abstand entsprechend vergrößern — das Produkt bleibt gleich. Daraus folgt die entscheidende Eigenschaft:
Es kann ohne Änderung seiner Wirkung an jeder beliebigen Stelle eines starren Körpers angreifen. Deshalb zeichnet man später gar kein Kräftepaar mehr, sondern nur noch das Symbol mit einem Drehpfeil. Greifen mehrere Momente an, werden sie unter Beachtung des Drehsinns algebraisch addiert:
Warum lässt sich ein Kräftepaar nicht durch eine einzelne Kraft ersetzen?
Moment einer Kraft und Hebelarm
Längs ihrer Wirkungslinie darf eine Kraft wandern. Was aber passiert, wenn man sie parallel verschiebt? Legt man an der neuen Wirkungslinie zwei entgegengesetzte Kräfte vom Betrag an — eine Gleichgewichtsgruppe, die nichts ändert —, so bildet eine davon mit der ursprünglichen Kraft ein Kräftepaar im Abstand . Übrig bleiben also: die Kraft an der neuen Stelle plus ein Moment.
Diese Größe heißt das Moment der Kraft bezüglich des Punktes ; der hochgestellte Index nennt den Bezugspunkt. Der senkrechte Abstand zwischen Bezugspunkt und Wirkungslinie heißt Hebelarm. Vereinbart wird: Ein Moment zählt positiv, wenn es gegen den Uhrzeigersinn dreht.
Das Moment eines Kräftepaars hängt nicht von einem Bezugspunkt ab — es ist überall gleich. Betrag und Drehsinn des Momentes einer Kraft hängen dagegen sehr wohl von der Wahl des Bezugspunktes ab. Dieser Unterschied muss immer beachtet werden; er ist die häufigste Fehlerquelle des Kapitels.
Statt den Hebelarm geometrisch zu suchen, zerlegt man die Kraft meist in ihre kartesischen Komponenten und addiert deren Momente:
Dahinter steht eine Aussage, die das ganze Kapitel trägt: Die Summe der Momente von Einzelkräften ist gleich dem Moment der Resultierenden. Es spielt also keine Rolle, ob man Kräfte erst addiert und dann das Moment bildet oder ob man die Einzelmomente summiert. In der Literatur trägt dieser Satz auch den Namen Momentensatz; das Lehrbuch spricht ihn ohne Namen aus.
In der Ansicht rechts lässt sich der Bezugspunkt anklicken — , oder die Laufkatze. Der Momentbogen der Last wandert mit, und die Zelle zeigt, was dabei herauskommt.
Der Bezugspunkt liegt genau auf der Wirkungslinie einer Kraft. Wie groß ist ihr Moment bezüglich dieses Punktes?
Die Resultierende ebener Kraftsysteme
Jetzt die allgemeine Frage: Wie weit lässt sich eine beliebige ebene Kräftegruppe reduzieren? Man wählt einen beliebigen Bezugspunkt und verschiebt jede Kraft parallel zu sich selbst, bis ihre Wirkungslinie durch läuft — und fügt für jede das Moment hinzu, das dabei entsteht. Übrig bleiben eine zentrale Kräftegruppe und eine Gruppe von Momenten:
Der Richtungswinkel heißt hier ; im Lehrbuch steht an dieser Stelle , das in diesem Modul aber schon der Neigung der Zugstrebe gehört.
Ein Schritt geht noch: Statt die Resultierende durch samt Moment anzugeben, kann man allein nennen — dann muss ihre Wirkungslinie allerdings um den Abstand
parallel verschoben werden. Daraus ergeben sich vier Fälle, auf die sich jede ebene Kräftegruppe zurückführen lässt: eine Resultierende neben dem Bezugspunkt · eine Resultierende durch den Bezugspunkt () · ein reines Kräftepaar (, dann ist das Moment bezugspunktunabhängig) · und Gleichgewicht (beides null).
Bei einer Kräftegruppe ist , aber . Was folgt daraus?
Gleichgewichtsbedingungen des starren Körpers
Gleichgewicht herrscht, wenn die Reduktion auf nichts führt — wenn also die resultierende Kraft und das resultierende Moment verschwinden. In Komponenten sind das drei Bedingungen:
Drei Bedingungen für drei Freiheitsgrade: In der Ebene kann sich ein Körper in - und -Richtung verschieben und um eine Achse senkrecht zur Zeichenebene drehen. Mit drei Gleichungen lassen sich entsprechend höchstens drei Unbekannte bestimmen — beim Wandschwenkkran genau die Strebenkraft und die beiden Lagerkräfte.
Bei der Momentenbedingung gehören immer zwei Angaben dazu: der Bezugspunkt und der als positiv gewählte Drehsinn. Das Lehrbuch schreibt die Bilanzen deshalb mit Richtungspfeilen als Zeilenmarken — für die waagerechte, für die senkrechte Kraftbilanz und für die Momentenbilanz um . Die Herleitung unten hält sich daran.
Dass die Wahl des Bezugspunktes gleichgültig ist, lässt sich beweisen: Rechnet man die Momentensumme von einem Punkt auf einen anderen um, unterscheiden sich beide nur um Terme, die die Kraftbilanzen enthalten — sind die erfüllt, stimmen beide Momentensummen überein. Der Bezugspunkt darf sogar außerhalb des Körpers liegen. Man kann die drei Bedingungen auch anders mischen: eine Kraft- und zwei Momentenbedingungen (dann dürfen die beiden Bezugspunkte nicht auf einer Geraden senkrecht zur Kraftrichtung liegen) oder sogar drei Momentenbedingungen (dann dürfen die drei Punkte nicht auf einer Geraden liegen).
Daraus folgt die wichtigste praktische Regel des Kapitels: Es ist meist zweckmäßig, den Bezugspunkt so zu wählen, dass er auf der Wirkungslinie einer Kraft liegt. Ihr Hebelarm ist dann null, und sie taucht im Momentengleichgewicht gar nicht erst auf — eine Unbekannte weniger in der Gleichung.
Mitmach-Aufgabe: Stelle die Laufkatze so, dass die senkrechte Lagerkraft verschwindet — der Wandanschluss also gar nichts mehr nach oben oder unten hält.
Mitmach-Aufgabe: Wähle in der Ansicht rechts den Bezugspunkt so, dass in der Momentenbilanz keine der beiden Lagerkräfte auftaucht und die Strebenkraft allein übrig bleibt.
Allgemeine Kräftegruppen im Raum
In der Ebene gab es nur eine Drehmöglichkeit — um die Achse senkrecht zur Zeichenebene. Im Raum sind es drei, und das Moment braucht deshalb drei Komponenten. Es wird zum Momentenvektor:
Damit man ihn in Zeichnungen nicht mit einer Kraft verwechselt, wird der Momentenvektor als Doppelpfeil dargestellt — so auch in der Ansicht rechts. Sein Drehsinn folgt der Korkenzieherregel: Blickt man in Richtung des Vektors, dreht ein positives Moment rechtsherum.
Kraft- und Momentenvektoren haben unterschiedliche Dimensionen — sie können daher niemals addiert werden. Und sie unterscheiden sich noch in einem zweiten Punkt: Der Kraftvektor ist an seine Wirkungslinie gebunden, der Momentenvektor dagegen ist ein freier Vektor. Das ist dieselbe Eigenschaft, die in Kapitel 03 am Kräftepaar auftauchte, nur jetzt räumlich formuliert.
Am Vorgehen ändert sich nichts: reduzieren auf resultierende Kraft und resultierendes Moment, dann bilanzieren. Nur sind es jetzt sechs Bedingungen für sechs Freiheitsgrade — drei Verschiebungen und drei Drehungen:
Welche Aussage über Kraft- und Momentenvektor trifft zu?
Kontrollrechnungen
Alle Ergebnisse für die Beispielwerte des Leitsystems — zum Nachrechnen von Hand.
Strebenkraft
Positiv: Die Strebe zieht — sie hält das Auslegerende oben.
Lagerkräfte
Die Strebe zieht das Auslegerende nach links oben; der Wandanschluss hält dagegen.
Probe um das Auslegerende
Anderer Bezugspunkt, dieselbe Aussage — genau das behauptet Kapitel 06.
Quellen: Gross/Hauger/Schröder/Wall, Technische Mechanik 1 (Springer), Kapitel 3 · Vorlesung Technische Mechanik I (HSO, SoSe 2026).
Weiter zu den drei Übungsaufgaben — vom Konzeptcheck über die Reduktion einer belasteten Platte bis zum Gleichgewicht am starren Körper.
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