Zugversuch

Zum Versuch

Modul 1 — Der Zugversuch im Überblick

Ziele, Normung und die wichtigsten Werkstoffkennwerte

Worum geht es?

Für die Auslegung eines Bauteils muss das mechanische Verhalten des verwendeten Werkstoffs quantitativ bekannt sein. Der Zugversuch ist das am weitesten verbreitete Verfahren, um das einachsige Verformungs- und Bruchverhalten metallischer Werkstoffe bei quasi-statischer Beanspruchung zu bestimmen. Er liefert Antworten auf drei zentrale konstruktionsrelevante Fragen:

  • Bei welcher Belastung beginnt der Werkstoff sich bleibend zu verformen?
  • Welche Höchstlast kann er ertragen, bevor er versagt?
  • Wie zäh oder spröde ist das Materialverhalten dabei?

Normgrundlage — DIN EN ISO 6892-1

Damit Ergebnisse unabhängig von Prüflabor, Probe und Maschine vergleichbar sind, wird der Zugversuch nach einer einheitlichen Norm durchgeführt. Für metallische Werkstoffe bei Raumtemperatur gilt die DIN EN ISO 6892-1. Sie regelt insbesondere:

  • Probengeometrie und Probenformen (Rundprobe, Flachprobe, Proportionalstäbe mit ; bei Rundproben gleichbedeutend mit ).
  • Prüfgeschwindigkeit und Temperaturbereich (typ. 10 … 35 °C). Die Norm unterscheidet zwei Regelungsarten: Verfahren A (dehnraten­geregelt) und Verfahren B (spannungs­ratengeregelt). Für die Bestimmung von und ist Verfahren A normativ bevorzugt.
  • Definition und Bestimmung der zu ermittelnden Kennwerte.
  • Anforderungen an Extensometer (Längenmesssystem) und Kraftaufnehmer.

Weitere einschlägige Normen: DIN 50125 (geometrisch genormte Zugproben), ASTM E8/E8M (US-amerikanischer Standard). Für erhöhte Temperaturen gilt DIN EN ISO 6892-2.

TippDie zentralen Werkstoffkennwerte

Aus einem Zugversuch werden typischerweise folgende Kennwerte ermittelt (ausführliche Behandlung in Modul 5):

  • Elastizitätsmodul — Maß für die Steifigkeit im elastischen Bereich.
  • Obere / untere Streckgrenze , — bei Werkstoffen mit ausgeprägter Streckgrenze.
  • Ersatzstreckgrenze — bei stetigem Übergang (z. B. Edelstähle, Aluminiumlegierungen).
  • Zugfestigkeit — höchste im Versuch erreichte technische Spannung.
  • Gleichmaßdehnung und Bruchdehnung — Verformungskennwerte.

Aufbau dieser Anleitung

  1. Versuchsaufbau, Messgrößen und genormte Probenformen.
  2. Umrechnung der gemessenen Größen in geometrieunabhängige Werkstoffkennwerte.
  3. Verlauf und Interpretation der Spannungs-Dehnungs-Kurve.
  4. Bestimmung der Kennwerte nach DIN EN ISO 6892-1.
  5. Abgrenzung von Festigkeit und Steifigkeit, Werkstoffvergleich.
  6. Durchführung des eigenen Versuchs im Simulations­prüfstand.

Modul 2 — Aufbau und Messprinzip

Zugprüfmaschine, Messgrößen und genormte Probenformen

Prinzipieller Aufbau

Eine Zugprüfmaschine besteht aus einem steifen Rahmen mit zwei Jochen. Eines der Joche ist feststehend, das andere wird elektromechanisch oder hydraulisch verfahren. Die Kraftmessdose befindet sich maschinenseitig im festen Joch. Die Probe ist über zwei Spannköpfe formschlüssig zwischen beiden Jochen eingespannt. Bei gängigen universellen Zugprüfmaschinen (z. B. Zwick, Instron) ist typischerweise das untere Joch fest und das obere Joch verfährt nach oben.

Während des Versuchs werden zwei Messgrößen kontinuierlich erfasst — dies sind die Primärdaten des Zugversuchs:

  • Kraft in Newton (N) — über die Kraftmessdose im festen Joch.
  • Längenänderung in mm — über ein Extensometer im Bereich der Anfangsmesslänge . Das Extensometer ist wesentlich genauer als der Traversenweg, weil es die Nachgiebigkeit der Spannköpfe und des Rahmens ausblendet.
Bewegtes Joch (Antrieb) Festes Joch (Kraftmessdose) F F L0 d0 Extensometer Probe verfährt ↑
Schematischer Aufbau einer universellen Zugprüfmaschine. Die Kraftmessdose im festen (hier unteren) Joch misst , das Extensometer misst die Längenänderung über der Anfangsmesslänge . Das zweite Joch verfährt, sodass die Probe zugbelastet wird.

Probengeometrie

Vor Versuchsbeginn werden die Abmessungen der Probe sorgfältig vermessen — sie gehen unmittelbar in die Auswertung ein:

  • Anfangsmesslänge — definierter Bereich zwischen den Extensometer­-Markierungen, über dem die Längenänderung gemessen wird.
  • Anfangsquerschnitt — bei Rundproben , bei Flachproben (Breite × Dicke).

Genormte Probenformen

Zum Vergleich von Kennwerten müssen die Proben normgerecht gefertigt sein. Die gebräuchlichsten Formen sind die Rundprobe (Kreisquerschnitt) und die Flachprobe (Rechteckquerschnitt). DIN EN ISO 6892-1 verlangt zusätzlich ein definiertes Verhältnis zwischen Anfangsmesslänge und Querschnitt — diese Proben heißen Proportionalstäbe:

  • Kurzer Proportionalstab: (bei Rundproben gleichbedeutend mit ).
  • Langer Proportionalstab: (bei Rundproben gleichbedeutend mit ).

Die allgemeine Form mit gilt für beliebige Querschnitte (auch Flachproben); die Kurzschreibweise mit ist eine rechnerische Vereinfachung für Rundproben.

Das Verhältnis stellt sicher, dass Dehnungskennwerte wie und unabhängig von der Probengröße vergleichbar bleiben. Normative Standardgeometrien sind z. B. in DIN 50125 festgelegt: Form A (Rundprobe mit glatten Spannköpfen), Form B (Rundprobe mit abgesetzten Schulterköpfen), Form C (Rundprobe mit Gewindeköpfen) sowie Form E (Flachprobe mit Schulterköpfen).

Übung: Was erfasst die Maschine unmittelbar?

Welche beiden Messgrößen werden während des Zugversuchs primär aufgezeichnet?

Modul 3 — Von der Messgröße zur Werkstoffkennung

Warum aus und die Werkstoffkennwerte und werden

Primär­- und Sekundärdaten

Die direkt gemessenen Größen Kraft und Längenänderung hängen von der Probengeometrie ab — zwei Proben aus demselben Werkstoff, aber mit unterschiedlichem Durchmesser oder unterschiedlicher Messlänge, liefern völlig verschiedene Kraft-Längenänderungs-Kurven. Diese Rohdaten werden deshalb als Primärdaten bezeichnet.

Erst durch Normierung mit dem Anfangsquerschnitt und der Anfangsmesslänge entstehen die geometrieunabhängigen Werkstoffkenngrößen — die Sekundärdaten des Zugversuchs:

1
2
3
4

Schritt 1: Zwei Vergleichsmessungen

Für den folgenden Vergleich stehen zwei simulierte Messungen zur Verfügung. Wählen Sie für beide denselben Werkstoff, variieren Sie aber Probengeometrie (Durchmesser und/oder Anfangsmesslänge). Beobachten Sie anschließend, wie sich die Kurven unterscheiden.

Probe 1

Probe 2 — mit anderen Parametern

Wählen Sie denselben Werkstoff, aber eine abweichende Geometrie (anderer Durchmesser und/oder andere Messlänge). Beobachten Sie anschließend, wie sich die Kurven unterscheiden.

Direkt gemessen

Kraft-Längenänderungs-Diagramm

Modul 4 — Bereiche der Spannungs-Dehnungs-Kurve

Elastischer Bereich, Fließen, Verfestigung, Einschnürung

Typischer Kurvenverlauf

Die --Kurve eines duktilen metallischen Werkstoffs lässt sich in vier charakteristische Bereiche gliedern. Wählen Sie unten einen Werkstoff aus und klicken Sie auf einen der farbig hinterlegten Bereiche im Diagramm, um die zugehörige Erklärung einzublenden.

Werkstoff:
Spannungs-Dehnungs-Kurve
Lade Diagramm …
Simulierte --Kurve mit farbig hinterlegten Kurvenbereichen. Ein Klick auf einen Bereich markiert die zugehörige Erklärung. Bei Wechsel des Werkstoffs zeigt sich, wie sich der Kurvenverlauf qualitativ verändert.

① Elastischer Bereich (Hookescher Bereich)

Linearer Zusammenhang zwischen Spannung und Dehnung: . Die Verformung ist vollständig reversibel — wird die Probe in dieser Phase entlastet, kehrt sie in ihre Ausgangsform zurück. Mikroskopisch werden dabei interatomare Bindungen elastisch gestreckt, ohne dass Versetzungen wandern.

Der Bereich endet an der Streckgrenze ( bzw. ).

② Plastische Verfestigung

Oberhalb der Streckgrenze entsteht bleibende Verformung. Im Kristallgitter gleiten Versetzungen, die Probe beginnt zu fließen. Mit zunehmender Dehnung blockieren sich die Versetzungen gegenseitig — der Werkstoff wird durch die Verformung selbst härter (Kaltverfestigung).

Die Spannung steigt bis zum Kurven­maximum, der Zugfestigkeit . Bei Werkstoffen mit ausgeprägter Streckgrenze (z. B. Baustahl S235) fällt die Spannung nach Überschreiten von zunächst auf ab; auf diesem Niveau bildet sich ein horizontales Lüders-Plateau, bevor die eigentliche Verfestigung einsetzt (siehe Modul 5).

③ Einschnürung

Nach Erreichen von konzentriert sich die weitere Verformung auf einen schmalen Probenabschnitt — es bildet sich eine lokale Einschnürung, der Querschnitt nimmt dort stärker ab, als die Verfestigung ausgleichen kann. Dabei steigt die wahre Spannung (bezogen auf den aktuellen Querschnitt) weiter, während die technische Spannung (bezogen auf ) scheinbar abnimmt.

④ Bruch

Die Probe versagt im Bereich der Einschnürung. Die bleibende Dehnung nach dem Bruch ist die Bruchdehnung — sie ist das wichtigste Maß für die Duktilität des Werkstoffs. Spröde Werkstoffe (z. B. Grauguss, Glas) versagen ohne nennenswerte plastische Verformung, duktile Werkstoffe (z. B. Baustahl, Kupfer, weiches Aluminium) erlauben deutlich höhere Bruchdehnungen.

Übung: Phasen zuordnen

Ordnen Sie jeder Beschreibung die richtige Phase zu.

1. Verformung verschwindet vollständig nach Entlastung

2. Querschnitt wird lokal kleiner, technische Spannung sinkt scheinbar

3. Bleibende Verformung mit zunehmender Spannung bis zum Höchstpunkt

Modul 5 — Kennwerte nach DIN EN ISO 6892-1

E-Modul, Streckgrenze, Zugfestigkeit und Dehnungskennwerte

Konstruktionsrelevante Kennwerte

Aus der --Kurve werden die in DIN EN ISO 6892-1 definierten Werkstoffkennwerte bestimmt. Sie gliedern sich in Festigkeitskennwerte (, /, , ) und Dehnungskennwerte (, ). Wählen Sie unten einen Werkstoff; die folgende --Figur zeigt die Konstruktion der Kennwerte grafisch — ein Klick auf einen Marker hebt die zugehörige Beschreibung hervor.

Werkstoff:
σ-ε-Diagramm mit Kennwerten E, Rp0,2 und Rm
Lade Diagramm …
Echte --Kurve (matplotlib) mit eingezeichneter elastischer Steigung, 0,2-%-Offset-Konstruktion und den Marker-Punkten für und . Ein Klick auf einen markierten Punkt hebt die zugehörige Beschreibung hervor. Ein Wechsel des Werkstoffs macht qualitative Unterschiede sichtbar.

Elastizitätsmodul

Der Elastizitätsmodul ist die Steigung der --Kurve im linear-elastischen Bereich und beschreibt die Steifigkeit des Werkstoffs:

ist eine Werkstoffkonstante. Für einen gegebenen Werkstoff ist sie nahezu unabhängig von Probenform, Wärmebehandlung oder Umformgrad. Die Bestimmung erfolgt nach DIN EN ISO 6892-1 durch lineare Regression im elastischen Kurvenabschnitt.

Richtwerte: Stahl ≈ 200 … 210 GPa, Aluminium ≈ 69 … 72 GPa, Kupfer ≈ 110 … 125 GPa, Titan ≈ 105 … 115 GPa.

Streckgrenze — / oder

Die Streckgrenze kennzeichnet den Übergang vom elastischen in den plastischen Bereich. Je nach Werkstoffverhalten unterscheidet DIN EN ISO 6892-1 zwei Fälle:

Ausgeprägte Streckgrenze — typisch für unlegierte Baustähle (z. B. S235, S355): Die Kurve zeigt an der Fließgrenze einen deutlichen Spannungsabfall mit nachfolgendem, horizontalem Lüders-Plateau. Es werden zwei Werte ermittelt:

  • Obere Streckgrenze — höchste Spannung vor dem ersten Kraftabfall.
  • Untere Streckgrenze — niedrigste Spannung während des Fließens, ohne Berücksichtigung des Einschwing­­vorgangs.

Stetiger Übergang — typisch für Vergütungs­stähle, austenitische Edelstähle und viele Nichteisenmetalle: Es tritt kein klar definierter Streckpunkt auf. Stattdessen wird die Ersatzstreckgrenze konstruiert — die Spannung, bei der nach Entlastung eine bleibende plastische Dehnung von 0,2 % verbleibt.

Grafisch wird hierzu die elastische Gerade um nach rechts versetzt. Der Schnittpunkt der Parallele mit der --Kurve liefert .

Zugfestigkeit

Die Zugfestigkeit ist die maximale technische Spannung im Versuch und entspricht dem Kurvenmaximum:

Beim Überschreiten von setzt die Einschnürung ein; die technische Spannung sinkt scheinbar, während die wahre Spannung (bezogen auf den aktuellen Restquerschnitt) weiter zunimmt.

Gleichmaßdehnung

Die Gleichmaßdehnung ist die nichtproportionale (plastische) Dehnung bei Höchstkraft, also unmittelbar vor Einsetzen der Einschnürung. Sie beschreibt, wie stark sich der Werkstoff gleichmäßig über die gesamte Messlänge plastisch verformen lässt, bevor die Verformung lokal in der Einschnürung konzentriert wird.

Grafisch wird als x-Achsen­abschnitt einer Parallele zur Hookeschen Geraden durch den -Punkt konstruiert. Zu unterscheiden von der Gesamtdehnung bei Höchstkraft (inklusive elastischem Anteil).

Bruchdehnung

Die Bruchdehnung ist die bleibende Dehnung nach dem Bruch und das wichtigste Maß für die Duktilität eines Werkstoffs. Sie gibt an, wie viel plastische Verformung die Probe insgesamt bis zum endgültigen Versagen aufgenommen hat — einschließlich der zusätzlichen Verformung während der Einschnürung.

Nach DIN EN ISO 6892-1 wird primär durch mechanisches Nachmessen der zusammengefügten Bruchstücke bestimmt:

Dabei ist die gemessene Länge nach dem Bruch, ermittelt durch Zusammenlegen der beiden Probenhälften. Bleibt das Extensometer bis zum Bruch angelegt, darf alternativ grafisch als x-Achsen­abschnitt einer Parallele zur Hookeschen Geraden durch den Bruchpunkt ermittelt werden.

Da die Verformung nach Einsetzen der Einschnürung mit einschließt, gilt stets > .

Übung: -Modul aus zwei Werten

Im elastischen Bereich messen Sie bei einer Dehnung von eine Spannung von . Wie groß ist der Elastizitätsmodul?

MPa

Übung: Kennwerte zuordnen

Welcher Kennwert beschreibt was? Wählen Sie für jede Beschreibung den passenden Kennwert.

1. Steigung im linearen Bereich der Kurve

2. Höchste technische Spannung der Kurve

3. Spannung bei 0,2 % bleibender Dehnung

Modul 6 — Festigkeit und Steifigkeit

Zwei getrennte Werkstoffeigenschaften

Steifigkeit

Die Steifigkeit beschreibt, wie stark sich ein Werkstoff im elastischen Bereich unter einer gegebenen Spannung verformt. Sie wird durch den Elastizitätsmodul quantifiziert: ein hoher -Modul bedeutet geringe elastische Verformung bei gegebener Last — der Werkstoff ist steif.

Steifigkeitsvergleich: Baustahl und Aluminium im elastischen Bereich
Lade Diagramm …
Links: Vollständige --Kurven aus den Zwick-Realmessungen. Rechts: Zoom in den elastischen Bereich — bei gleicher Spannung dehnt sich Aluminium rund 2,5-mal so stark wie Baustahl. Allein das Verhältnis der -Module bestimmt die elastische Verformung.

Festigkeit

Die Festigkeit beschreibt, welche Spannung der Werkstoff überhaupt ertragen kann, bevor er sich bleibend verformt oder versagt. Die entsprechenden Kennwerte sind die Streckgrenze ( bzw. — Beginn der plastischen Verformung) und die Zugfestigkeit (maximale Spannung). Ein hohes entspricht hoher Belastbarkeit — der Werkstoff ist fest.

Festigkeitsvergleich: S235 und 42CrMo4 im vollen σ-ε-Verlauf
Lade Diagramm …
Zwei Stähle mit vergleichbarer elastischer Steigung, aber stark unterschiedlicher Zugfestigkeit . Das Vergüten hebt die erreichbare Maximalspannung deutlich an — die Steifigkeit bleibt davon nahezu unberührt.

TippBeispiel — Stahl und Aluminium

Bei zwei Bauteilen identischer Geometrie — Stahl und Aluminium — lässt sich die Unabhängigkeit beider Größen deutlich ablesen:

  • Im elastischen Bereich dehnt sich der Aluminiumdraht bei gleicher Last rund dreimal so stark wie der Stahldraht () — Aluminium ist weniger steif.
  • Bei weiter steigender Last versagt der Aluminiumdraht früher, da sein geringer ist — unlegiertes Aluminium ist weniger fest.
  • Eine ausgehärtete Aluminiumlegierung (z. B. 7075) kann jedoch fester sein als unlegierter Baustahl, bleibt aber steifigkeitsmäßig unverändert. Festigkeit und Steifigkeit lassen sich werkstofftechnisch unabhängig voneinander einstellen.

Übung: Welche Aussage stimmt?

Zwei Bauteile mit identischer Geometrie werden mit derselben Kraft im elastischen Bereich belastet. Bauteil A ist aus Stahl ( ≈ 210 GPa), Bauteil B aus Aluminium ( ≈ 70 GPa). Welche Aussage ist richtig?

Modul 7 — Werkstoffvergleich

Typische Konstruktionswerkstoffe und ihre Kennwerte

Werkstoffcharakteristik

Im Versuch stehen Ihnen vier Proben zur Verfügung, die das Spektrum typischer metallischer Konstruktionswerkstoffe abdecken: ein unlegierter Baustahl, ein nichtrostender austenitischer Stahl, ein hochfester Vergütungsstahl und eine hochfeste Aluminium­legierung. Jeder Werkstoff besitzt ein eigenes charakteristisches Verformungsverhalten, das sich aus Steifigkeit (-Modul), Festigkeit ( bzw. , ) und Duktilität () ablesen lässt.

Kennwerte der vier Probenwerkstoffe

Typische Werte aus realen Zwick-Zugversuchen, wie sie auch in der Simulation hinterlegt sind.

Werkstoff / GPa Streckgrenze / MPa / MPa / % Charakter
Baustahl S235 184 459 33,5 ausgeprägte Streckgrenze, Lüders-Plateau, sehr duktil
CrNi-Stahl 1.4301 167 689 45,5 nichtrostend, stetiger Verlauf, extrem duktil, hohe Verfestigung
Vergütungsstahl 42CrMo4 145 1034 14,2 hochfest, geringere Duktilität, Vergütungszustand
Al-Legierung 7075 72 654 8,7 leicht, hochfest (ausgehärtet), spröd-duktiles Verhalten

TippEinordnung der Werkstoffe

  • Baustahl S235 ist der Standardwerkstoff des Stahlbaus. Er zeigt die für niedriglegierte Stähle typische ausgeprägte Streckgrenze mit , und anschließendem Lüders-Plateau. Kennwert der Streckgrenze ist hier , nicht .
  • CrNi-Stahl 1.4301 (austenitischer „V2A") ist nichtrostend und zeigt einen stetigen --Verlauf ohne Streckgrenzenpeak. Charakteristisch ist die sehr hohe Bruchdehnung von bei moderatem . Einsatz: Lebensmittel- und Medizintechnik, Apparatebau.
  • Vergütungsstahl 42CrMo4 erreicht durch Härten und Anlassen hohe Festigkeiten () bei noch brauchbarer Duktilität. Typische Anwendungen: Wellen, Zahnräder, hochbeanspruchte Maschinenbauteile.
  • Al-Legierung 7075 ist eine ausgehärtete AlZnMg-Legierung mit der höchsten Festigkeit unter den klassischen Knetlegierungen. Bei nur etwa einem Drittel der Steifigkeit von Stahl und geringem Gewicht ist sie der bevorzugte Werkstoff für Luftfahrt und Leichtbau. Die Bruchdehnung fällt allerdings deutlich geringer aus als bei Stählen.

Drei Beobachtungen auf einen Blick

  • Festigkeit ≠ Steifigkeit. Die Al-Legierung 7075 hat mit 654 MPa eine höhere Zugfestigkeit als der Baustahl S235 (459 MPa) — aber nur ca. 40 % seines -Moduls. Für eine geringe Verformung unter Last ist der -Modul entscheidend, nicht .
  • Streckgrenzen­typ hängt vom Werkstoff ab. Nur der Baustahl zeigt eine ausgeprägte Streckgrenze (). CrNi-Stahl, Vergütungsstahl und Aluminium werden über die Dehngrenze charakterisiert.
  • Festigkeit und Duktilität schließen sich oft aus. Vergleichen Sie 42CrMo4 () mit 1.4301 (): Je höher die Festigkeit, desto geringer meist die Bruchdehnung.

Übung: Welcher Werkstoff für welche Anwendung?

Sie konstruieren eine hochbeanspruchte Antriebswelle für einen Getriebeprüfstand. Gefordert sind hohe Festigkeit bei gleichzeitig ausreichender Zähigkeit. Welcher der vier Werkstoffe ist die naheliegende Wahl?

Übung: Steifster Werkstoff?

Welcher der vier Probenwerkstoffe verformt sich im elastischen Bereich bei gleicher Spannung am wenigsten (höchster -Modul)?

Übung: Ausgeprägte Streckgrenze

Bei welchem der vier Werkstoffe wird die Streckgrenze nicht über , sondern über bestimmt?

Übung: Festigkeit vs. Duktilität

Für ein tiefgezogenes Bauteil (große plastische Umformung ohne Riss) benötigen Sie einen Werkstoff mit hoher Bruchdehnung. Welcher der vier Werkstoffe eignet sich am besten?

Modul 8 — Durchführung des Versuchs

Vorbereitung, Messung und Auswertung im Simulationsprüfstand

Datenquellen im Prüfstand

Der virtuelle Prüfstand kennt drei Datenquellen. Welche davon zur Verfügung stehen, entscheidet der jeweilige Versuchsablauf:

  • Modelldaten — synthetische --Kurven aus einem Werkstoffmodell (z. B. Stückweise/Yun-Gardner, Hollomon, Ludwik, Ramberg-Osgood). Gut geeignet zum Vergleich unterschiedlicher Modellansätze.
  • Realdaten — vorbereitete Messdaten einer realen Zugprüfung aus dem Institutslabor, für die hinterlegten Werkstoffe.
  • Eigene Daten — per CSV-Import aus eigenen Messungen. Sowohl Primärdaten (, ) als auch Sekundärdaten (, ) werden akzeptiert. Bei Primärdaten sind zusätzlich die Probengeometrie und der Normtyp der Probe einzugeben.

TippEmpfohlener Ablauf

  1. Öffnen Sie den Versuchsstand über die Schaltfläche am Ende dieses Moduls.
  2. Wählen Sie den gewünschten Versuchsmodus und die Probenparameter.
  3. Starten Sie die Messung und beobachten Sie den Aufbau des Messdiagramms ( über ) und des Werkstoffdiagramms ( über ).
  4. Werten Sie die charakteristischen Kennwerte nach DIN EN ISO 6892-1 aus und speichern Sie den Versuch in die Messreihe.
  5. Wiederholen Sie den Vorgang für weitere Werkstoffe bzw. Probenvarianten.
  6. Vergleichen Sie die Kurven und die Kennwert-Tabelle im Vergleichs-Tab. Exportieren Sie die Messreihe anschließend als Protokoll (PDF).

Reflexionsfragen

Nach Durchführung mehrerer Versuche lohnt sich ein kritischer Blick auf die Ergebnisse:

  • Welcher Werkstoff besitzt die steilste elastische Steigung — und wie korreliert das mit seinem -Modul?
  • Welcher Werkstoff zeigt eine ausgeprägte Streckgrenze mit , welche haben einen stetigen Übergang ()?
  • Welcher Werkstoff erreicht die höchste Zugfestigkeit , welcher die größte Bruchdehnung ? Hängen Festigkeit und Duktilität zusammen?
  • Wie ändern sich die -- und --Kurven bei Variation von Durchmesser oder Messlänge?
  • Wie verhalten sich die simulierten Modellkurven im Vergleich zu den Realdaten desselben Werkstoffs? Welche Abweichungen sind zu erwarten?