Einführung Physiklabor
Modul 1: Protokollführung
Aufbau und Inhalt der Dokumentation im Physiklabor
Skript: Kap. 3.1–3.3, S. 4–6 (PDF öffnen)
Schritt 1: Warum eine Ausarbeitung?
Sinn und Zweck
Die Versuchsdokumentation besteht aus zwei Teilen: der Ausarbeitung und dem Versuchsprotokoll (das als Anlage beigefügt wird).
Die Ausarbeitung hat die Aufgabe, das gesamte Experiment von der Fragestellung über die Durchführung bis hin zur Auswertung dokumentarisch festzuhalten. Sie muss von einer fremden, mit der Materie vertrauten Person gelesen und verstanden werden können und diese prinzipiell in die Lage versetzen, das Experiment jederzeit zu wiederholen.
Das Versuchsprotokoll wird dagegen während des Versuchs handschriftlich geführt und enthält die originalen Messwerte und Beobachtungen.
TippGute Ausarbeitungen ...
- ... ermöglichen die vollständige Reproduzierbarkeit des Experiments
- ... dokumentieren auch unerwartete Beobachtungen und Probleme
- ... enthalten eine kritische Diskussion der Ergebnisse
- ... enthalten das handschriftliche Versuchsprotokoll als Anlage
Übung: Zweck der Ausarbeitung
Was ist die wichtigste Anforderung an eine Ausarbeitung?
Schritt 2: Aufbau einer Ausarbeitung
Die 8 Bestandteile
Eine vollständige Ausarbeitung enthält folgende Abschnitte in dieser Reihenfolge:
- Versuchsgegenstand: Was ist das Ziel? Was wird gemessen? (max. 1 Seite)
- Theoretische Grundlagen: Relevante physikalische Zusammenhänge und Formeln
- Versuchsdurchführung: Beschreibung mit Prinzipskizzen
- Versuchsbedingungen: Temperatur, Fehlerquellen, etc.
- Messergebnisse: Tabellarisch, nummeriert, mit Unterschriften
- Fehlerrechnung: Messunsicherheit und Fehlerabschätzung
- Ergebnis: Kommentar und Vergleich mit Literaturwerten
- Anlage: Versuchsprotokoll als Anhang
Übung: Abschnitte der Ausarbeitung zuordnen
Ordnen Sie jede Beschreibung dem richtigen Abschnitt der Ausarbeitung zu:
1. „Ziel des Versuchs ist die experimentelle Bestimmung der Erdbeschleunigung \(g\) mithilfe eines Fadenpendels." — Welcher Abschnitt?
2. „Der Versuch wurde bei einer Raumtemperatur von 22 °C und einem Luftdruck von 1013 hPa durchgeführt." — Welcher Abschnitt?
3. „Der bestimmte Wert \(g = 9{,}78\,\text{m/s}^2\) weicht um 0,3 % vom Literaturwert ab und liegt damit im erwarteten Bereich." — Welcher Abschnitt?
4. „Mithilfe der Gaußschen Fehlerfortpflanzung wird aus den Einzelunsicherheiten der Pendellänge und der Schwingungsdauer die Gesamtunsicherheit \(\Delta g\) berechnet." — Welcher Abschnitt?
Schritt 3: Vorbereitung und Versuchsprotokoll
Vor dem Versuch
Eine gute Vorbereitung ist entscheidend für den Versuchserfolg:
- Versuchsbeschreibung sorgfältig lesen und physikalische Grundlagen aneignen
- Grundlagen und Formeln handschriftlich zusammenfassen (max. 2 Seiten)
- Zusatzfragen schriftlich beantworten und zu Beginn abgeben
- Tabellen und Diagramme zu Hause vorbereiten
Das Versuchsprotokoll (Anlage)
Das Versuchsprotokoll wird während des Versuchs handschriftlich geführt und ist ein eigenständiges Dokument, das der Ausarbeitung als Anlage beigefügt wird. Es enthält:
- Alle Messwerte im Original — keine nachträglichen Änderungen
- Beobachtungen und Auffälligkeiten während des Versuchs
- Unterschrift des Betreuers als Bestätigung der Durchführung
Wichtig: Messwerte dürfen niemals radiert oder überschrieben werden. Fehlerhafte Werte werden durchgestrichen und der korrekte Wert daneben notiert.
Übung: Was gehört ins Versuchsprotokoll?
Welche der folgenden Aussagen zum Versuchsprotokoll (das während des Versuchs geführt wird) ist korrekt?
Modul 2: Messfehler und ihre Klassifizierung
Systematische vs. zufällige Fehler, absolute und relative Fehlerangaben
Skript: Kap. 4.1, S. 7–9 (PDF öffnen)
Schritt 1: Warum haben Messungen Fehler?
Grundprinzip
Für jede messbare Größe existiert ein wahrer Wert. Es ist allerdings prinzipiell unmöglich, diesen mit Messungen exakt zu bestimmen. Jede Messung ist mit einem Messfehler behaftet. Das Ziel einer Messung ist daher, einen Schätzwert zusammen mit einer Messunsicherheit anzugeben, die einen Wertebereich für den wahren Wert definiert.
Wichtig: Präziser ist nicht immer besser!
Beispiel Elementarladung (Literaturwert: \(e = 1{,}602 \cdot 10^{-19}\,\text{C}\)):
- Messung 1: \(e = (1{,}7 \pm 0{,}1) \cdot 10^{-19}\,\text{C}\) → konsistent mit Literaturwert
- Messung 2: \(e = (1{,}62 \pm 0{,}01) \cdot 10^{-19}\,\text{C}\) → präziser, aber nicht konsistent!
Ein Messergebnis ist nur dann aussagekräftig, wenn die angegebene Unsicherheit realistisch ist. Eine zu kleine Unsicherheit täuscht eine Genauigkeit vor, die gar nicht erreicht wurde.
Schritt 2: Fehlerarten unterscheiden
Um Messfehler gezielt zu reduzieren, muss man ihre Ursache kennen. Man unterscheidet zwei grundlegend verschiedene Fehlerarten, die unterschiedlich behandelt werden:
Systematische Fehler
Liegen im Messsystem oder Messgerät begründet. Messwerte weichen zumeist in die gleiche Richtung vom wahren Wert ab und sind reproduzierbar.
Beispiele: verschobene Thermometerskala, falscher Uhrengang, Nullpunktsfehler einer Waage
Reduktion: durch Kalibrierung, bessere Messgeräte oder Korrekturrechnungen.
Zufällige (statistische) Fehler
Unvermeidbar, z.T. durch menschliche Unzulänglichkeiten verursacht. Führen zur Streuung in beide Richtungen um den Mittelwert.
Beispiele: Ablesegenauigkeit einer Skala, Reaktionszeit beim Stoppen
Reduktion: durch Wiederholung der Messung und statistische Auswertung (siehe Modul 3).
Übung: Fehler klassifizieren
Ziehen Sie jedes Beispiel in die richtige Kategorie:
Systematische Fehler
Zufällige Fehler
Schritt 3: Fehler quantifizieren
Nachdem Sie die Art des Fehlers erkannt haben, müssen Sie ihn auch zahlenmäßig angeben können. Dafür gibt es drei Darstellungsformen, die je nach Kontext unterschiedlich nützlich sind:
Fehlerdarstellungen
- Absoluter Fehler: hat die gleiche Einheit wie die Messgröße, z.B. \(\Delta l = 1\,\text{mm}\).
Sagt direkt, um wie viel der Messwert maximal vom wahren Wert abweichen kann. - Relativer Fehler: dimensionslos, z.B. \(\Delta l / l = 0{,}05\).
Erlaubt den Vergleich der Messgenauigkeit verschiedener Größen — unabhängig von der Einheit. - Prozentualer Fehler: relativer Fehler in Prozent, z.B. \(5\,\%\).
Anschaulichste Darstellung, besonders in der Kommunikation von Ergebnissen.
Übung: Relativer Fehler berechnen
Eine Längenmessung ergibt \(l = 20\,\text{mm}\) mit einem absoluten Fehler von \(\Delta l = 1\,\text{mm}\). Wie groß ist der relative Fehler \(\Delta l / l\)?
Modul 3: Rechengenauigkeit
Warum Zwischenergebnisse nicht gerundet werden dürfen
Maschinengenau rechnen — erst am Ende runden
Ein häufiger Fehler in der Auswertung von Laborversuchen: Zwischenergebnisse werden auf wenige Nachkommastellen gerundet, bevor sie in die nächste Berechnung einfließen. Dabei gehen bei jedem Rundungsschritt Informationen verloren, und die Rundungsfehler können sich aufaddieren — das Endergebnis weicht dann deutlich vom korrekten Wert ab.
Regel
Rechnen Sie in allen Zwischenschritten stets mit der vollen Genauigkeit Ihres Taschenrechners oder Computers (maschinengenau). Runden Sie erst das Endergebnis auf eine sinnvolle Stellenzahl.
TippBeispiel
Sie messen drei Längen und berechnen daraus eine Fläche:
- Falsch: Jede Länge einzeln auf 2 Stellen runden, dann multiplizieren — der Fehler im Ergebnis kann eine ganze Größenordnung betragen.
- Richtig: Alle Längen mit voller Genauigkeit in die Formel einsetzen, das Ergebnis am Ende passend runden.
Übung: Auswirkung von Zwischenrundungen
Berechnen Sie die Differenzfläche zweier Quadrate: \(\Delta A = a^2 - b^2\) mit \(a = 6{,}92\,\text{cm}\) und \(b = 6{,}68\,\text{cm}\).
Schritt 1: Maschinengenau rechnen
Rechnen Sie mit voller Genauigkeit und runden Sie erst das Endergebnis auf 2 Nachkommastellen.
Schritt 2: Mit Zwischenrundung rechnen
Runden Sie zuerst \(a\) und \(b\) auf 1 Nachkommastelle und berechnen Sie dann \(\Delta A\). Runden Sie das Ergebnis auf 2 Nachkommastellen.
Modul 4: Statistische Kennzahlen von Messreihen
Mittelwert, Standardabweichung und mittlerer Fehler interaktiv berechnen
Skript: Kap. 4.2, S. 10 (PDF öffnen)
Warum statistische Auswertung?
Wiederholt man eine Messung mehrfach, erhält man aufgrund zufälliger Fehler leicht unterschiedliche Werte. Ein einzelner Messwert ist daher wenig aussagekräftig. Die statistische Auswertung liefert zwei entscheidende Informationen: den besten Schätzwert für die gesuchte Größe und eine Angabe zur Unsicherheit dieses Schätzwerts.
Die vier Kennzahlen
i) Mittelwert — der beste Schätzwert für den wahren Wert. Je mehr Messungen, desto zuverlässiger:
$$ \bar{x} = \frac{1}{n} \sum_{i=1}^{n} x_i $$
ii) Abweichungen — zeigen, wie weit jeder Messwert vom Mittelwert entfernt liegt. Die Summe aller Abweichungen muss exakt Null ergeben (wichtige Rechenkontrolle!):
$$ \delta_i = x_i - \bar{x} \qquad \text{(Kontrolle: } \sum \delta_i = 0\text{)} $$
iii) Standardabweichung — ein Maß für die Streuung der Einzelmessungen. Sie beschreibt, wie stark die Messwerte typischerweise vom Mittelwert abweichen. Der Faktor \(\frac{1}{n-1}\) (statt \(\frac{1}{n}\)) korrigiert eine systematische Unterschätzung bei kleinen Stichproben:
$$ s_x = \sqrt{\frac{1}{n-1} \sum_{i=1}^{n} (x_i - \bar{x})^2} $$
iv) Mittlerer Fehler des Mittelwerts — die eigentliche Messunsicherheit. Er gibt an, wie genau der Mittelwert den wahren Wert schätzt. Je mehr Messungen (\(n\)) durchgeführt werden, desto kleiner wird der mittlere Fehler — die Unsicherheit sinkt proportional zu \(\frac{1}{\sqrt{n}}\):
$$ \Delta x = \frac{s_x}{\sqrt{n}} $$
Ergebnis: Das Messergebnis wird immer als Mittelwert mit Unsicherheit angegeben:
$$ x = \bar{x} \pm \Delta x $$
Übung: Messreihe auswerten
Die Höhe h eines Holzquaders wurde 12 Mal gemessen (Werte in cm). Geben Sie die Messwerte ein und berechnen Sie die statistischen Kennzahlen Schritt für Schritt.
Schritt 1: Mittelwert berechnen
Der Mittelwert ist der beste Schätzwert für den wahren Wert der gemessenen Größe. Addieren Sie alle 12 Messwerte und teilen Sie durch die Anzahl.
Berechnen Sie den Mittelwert (auf 3 Nachkommastellen runden):
Schritt 2: Abweichungen \(\delta_i = x_i - \bar{x}\)
Die Abweichungen zeigen, wie stark jeder einzelne Messwert vom Mittelwert abweicht. Positive Werte liegen über dem Mittelwert, negative darunter. Wichtige Kontrolle: Die Summe aller Abweichungen muss exakt Null ergeben — andernfalls liegt ein Rechenfehler vor. Die quadrierten Abweichungen \(\delta_i^2\) werden im nächsten Schritt für die Standardabweichung benötigt.
Schritt 3: Standardabweichung berechnen (auf 3 Nachkommastellen)
Die Standardabweichung fasst die Streuung aller Messwerte in einer einzigen Zahl zusammen. Sie beschreibt, wie weit ein typischer Messwert vom Mittelwert entfernt liegt. Verwenden Sie die Summe der quadrierten Abweichungen \(\sum \delta_i^2\) aus der Tabelle oben.
$$ s_x = \sqrt{\frac{1}{n-1} \sum (x_i - \bar{x})^2} $$
Schritt 4: Mittlerer Fehler berechnen (auf 3 Nachkommastellen)
Der mittlere Fehler gibt die Unsicherheit des Mittelwerts an — also wie genau unser Mittelwert den wahren Wert schätzt. Er ist immer kleiner als die Standardabweichung, denn durch die Mittelung über viele Messungen wird das Ergebnis genauer. Bei \(n = 12\) Messungen ist der mittlere Fehler um den Faktor \(\sqrt{12} \approx 3{,}5\) kleiner als \(s_x\).
$$ \Delta x = \frac{s_x}{\sqrt{n}} $$
Schritt 5: Ergebnis angeben
Geben Sie das Endergebnis in der Form \(\bar{x} \pm \Delta x\) an (jeweils auf 3 Nachkommastellen):
Modul 5: Fehlerfortpflanzung
Das Gaußsche Fehlerfortpflanzungsgesetz anwenden
Skript: Kap. 4.3, S. 10–15 (PDF öffnen)
Warum Fehlerfortpflanzung?
In Modul 3 haben Sie gelernt, wie man die Unsicherheit einer direkt gemessenen Größe bestimmt. Oft interessiert aber eine berechnete Größe, die von mehreren Messwerten abhängt — etwa eine Fläche aus Länge und Höhe, oder eine Geschwindigkeit aus Strecke und Zeit. Jeder einzelne Messwert bringt seine eigene Unsicherheit mit. Die Fehlerfortpflanzung beantwortet die zentrale Frage: Wie groß ist die Unsicherheit des Endergebnisses, wenn die Eingangsgrößen fehlerbehaftet sind?
Vorgehen in drei Schritten
Für eine zusammengesetzte Größe \(X = f(X_1, X_2, \ldots, X_k)\) wird die Unsicherheit in drei Schritten bestimmt. Voraussetzung: Jede Eingangsgröße wurde mehrfach gemessen und statistisch ausgewertet (Modul 3) — Sie kennen also bereits den Mittelwert \(\bar{x}_j\) und die Unsicherheit \(\Delta x_j\) jeder einzelnen Messgröße.
- Bester Schätzwert: Die Mittelwerte der Einzelgrößen in die Formel einsetzen — das ergibt den besten Schätzwert für das Ergebnis
- Partielle Ableitungen: Die Formel nach jeder fehlerbehafteten Variablen ableiten (alle anderen als Konstanten behandeln). Diese Ableitungen zeigen, welche Messgröße den größten Einfluss auf den Gesamtfehler hat.
- Unsicherheit berechnen: Die partiellen Ableitungen (ausgewertet an den Mittelwerten) und die Einzelunsicherheiten in das Fehlerfortpflanzungsgesetz einsetzen
Gaußsches Fehlerfortpflanzungsgesetz
\(\bar{s} = 2{,}00\,\text{m}\), \(\Delta s = 0{,}02\,\text{m}\), \(\bar{t} = 0{,}50\,\text{s}\), \(\Delta t = 0{,}01\,\text{s}\).
Schritt 1 — Bester Schätzwert: Jede Eingangsgröße wurde mehrfach gemessen. Aus den Messreihen kennen Sie die Mittelwerte \(\bar{x}_1, \bar{x}_2, \ldots\) und die Unsicherheiten \(\Delta x_1, \Delta x_2, \ldots\) (aus Modul 3). Den besten Schätzwert für das Ergebnis erhalten Sie, indem Sie die Mittelwerte in die Formel einsetzen:
$$ \bar{X} = f(\bar{x}_1, \bar{x}_2, \ldots, \bar{x}_k) $$
Schritt 2 — Partielle Ableitungen: Die Formel nach jeder Eingangsgröße ableiten. Die partiellen Ableitungen \(\frac{\partial f}{\partial x_j}\) wirken als Gewichtungsfaktoren — sie geben an, wie empfindlich das Ergebnis auf eine Änderung der jeweiligen Eingangsgröße reagiert:
$$ \frac{\partial f}{\partial x_1}, \quad \frac{\partial f}{\partial x_2}, \quad \ldots, \quad \frac{\partial f}{\partial x_k} $$
\(\dfrac{\partial v}{\partial t} = -\dfrac{s}{t^2} = -\dfrac{2{,}00\,\text{m}}{(0{,}50\,\text{s})^2} = -8{,}00\,\dfrac{\text{m}}{\text{s}^2}\)
Schritt 3 — Unsicherheit berechnen: Je nachdem ob die Einzelfehler zufällig oder systematisch sind, gibt es zwei Varianten:
Statistischer Fehler — die Fehler sind zufällig und unabhängig, daher addieren sich die Beiträge quadratisch. Der Gesamtfehler wird kleiner als die Summe der Einzelbeiträge, weil sich zufällige Abweichungen teilweise kompensieren:
$$ \Delta x = \sqrt{\sum_{j=1}^{k} \left(\frac{\partial f}{\partial x_j} \cdot \Delta x_j\right)^2} $$\(\phantom{\Delta v} = \sqrt{0{,}0016\,\frac{\text{m}^2}{\text{s}^2} + 0{,}0064\,\frac{\text{m}^2}{\text{s}^2}} = 0{,}09\,\frac{\text{m}}{\text{s}}\)
Systematischer Fehler — die Fehler wirken in dieselbe Richtung (worst case), die Beträge addieren sich direkt. Dies ergibt die maximal mögliche Abweichung:
$$ \Delta x = \sum_{j=1}^{k} \left|\frac{\partial f}{\partial x_j}\right| \cdot \Delta x_j $$\(\phantom{\Delta v} = 0{,}04\,\frac{\text{m}}{\text{s}} + 0{,}08\,\frac{\text{m}}{\text{s}} = 0{,}12\,\frac{\text{m}}{\text{s}}\)
Übung: Seitenfläche eines Holzquaders
Die Seitenfläche A eines Quaders berechnet sich aus Länge l und Höhe h: \(A = l \cdot h\). Beide Größen wurden mehrfach gemessen und statistisch ausgewertet (wie in Modul 4). Bestimmen Sie nun den besten Schätzwert für die Fläche und deren Unsicherheit mithilfe der Fehlerfortpflanzung.
Gegeben (Ergebnisse der statistischen Auswertung aus den Messreihen von \(l\) und \(h\)):
\(\bar{l} = 7.55\,\text{cm}\), \(\Delta l = 0.07\,\text{cm}\) (Mittelwert und Unsicherheit der Längenmessungen)
\(\bar{h} = 4.7\,\text{cm}\), \(\Delta h = 0.04\,\text{cm}\) (Mittelwert und Unsicherheit der Höhenmessungen)
Schritt 1: Bester Schätzwert der Seitenfläche (auf 2 Nachkommastellen)
Den besten Schätzwert für die Fläche erhalten Sie, indem Sie die Mittelwerte von \(l\) und \(h\) in die Formel einsetzen. Da \(A = l \cdot h\), berechnen Sie \(\bar{A} = \bar{l} \cdot \bar{h}\).
Schritt 2: Partielle Ableitungen berechnen
Die partiellen Ableitungen bestimmen, wie stark sich ein Fehler in \(l\) bzw. \(h\) auf die Fläche \(A\) auswirkt. Bei \(A = l \cdot h\) leiten Sie nach \(l\) ab (wobei \(h\) als Konstante behandelt wird) und umgekehrt. Geben Sie das Ergebnis als Variable ein (z.B. "h" oder "l").
Schritt 3: Statistischer Fehler berechnen (auf 2 Nachkommastellen)
Wenn die Messfehler von \(l\) und \(h\) zufällig und unabhängig voneinander sind, kompensieren sich die Abweichungen teilweise. Deshalb werden die Beiträge quadratisch addiert (Gaußsche Fehlerfortpflanzung). Das Ergebnis ist kleiner als die einfache Summe der Einzelbeiträge:
$$ \Delta A_{\text{stat}} = \sqrt{\left(\frac{\partial A}{\partial l} \cdot \Delta l\right)^2 + \left(\frac{\partial A}{\partial h} \cdot \Delta h\right)^2} = \sqrt{(\bar{h} \cdot \Delta l)^2 + (\bar{l} \cdot \Delta h)^2} = \;? $$
Schritt 4: Systematischer Fehler berechnen (auf 2 Nachkommastellen)
Wenn die Fehler systematisch sind (z.B. ein falsch kalibriertes Messgerät), können sie im ungünstigsten Fall alle in dieselbe Richtung wirken. Dann addieren sich die Beträge direkt — ohne quadratische Abschwächung. Dies ergibt den maximal möglichen Fehler:
$$ \Delta A_{\text{sys}} = \left|\frac{\partial A}{\partial l}\right| \cdot \Delta l + \left|\frac{\partial A}{\partial h}\right| \cdot \Delta h = \bar{h} \cdot \Delta l + \bar{l} \cdot \Delta h = \;? $$
Schritt 5: Ergebnis und Vergleich
Vergleichen Sie beide Fehler. Der systematische Fehler ist immer größer oder gleich dem statistischen, weil bei der quadratischen Addition die Beiträge sich teilweise kompensieren. In der Praxis gibt man häufig beide Unsicherheiten getrennt an, da sie unterschiedliche Ursachen haben und unterschiedlich reduziert werden können: statistische Fehler durch mehr Messungen, systematische Fehler durch bessere Kalibrierung.
Geben Sie das Endergebnis mit dem statistischen Fehler an (jeweils auf 2 Nachkommastellen):
Modul 6: Lineare Regression
Methode der kleinsten Fehlerquadrate interaktiv erleben
Skript: Kap. 4.4, S. 16–18 (PDF öffnen)
Prinzip
Häufig besteht zwischen zwei Messgrößen ein linearer Zusammenhang: \(y = m \cdot x + b\). Durch Messfehler liegen die Messpunkte nicht exakt auf einer Geraden. Die lineare Regression bestimmt diejenige Gerade, die die Summe der quadratischen Abweichungen aller Messpunkte minimiert.
Güte der Anpassung
Der Regressionskoeffizient \(R\) liegt im Bereich \(-1 \le R \le 1\). Je näher \(R\) an 1 oder \(-1\) liegt, desto besser beschreibt eine Gerade die Messdaten. \(R^2\) nahe 1 bedeutet eine sehr gute lineare Anpassung.
Regressionsparameter
Steigung — gibt an, wie stark sich \(y\) pro Einheit \(x\) ändert:
$$ m = \frac{n \sum x_i y_i \;-\; \sum x_i \cdot \sum y_i}{n \sum x_i^2 \;-\; \left(\sum x_i\right)^2} $$Achsenabschnitt — der \(y\)-Wert bei \(x = 0\):
$$ b = \frac{\sum x_i^2 \cdot \sum y_i \;-\; \sum x_i \cdot \sum x_i y_i}{n \sum x_i^2 \;-\; \left(\sum x_i\right)^2} $$Bestimmtheitsmaß — beschreibt, wie gut die Gerade die Messdaten abbildet. \(R^2 = 1\) bedeutet perfekte lineare Übereinstimmung:
$$ R^2 = \frac{\left(n \sum x_i y_i - \sum x_i \cdot \sum y_i\right)^2}{\left(n \sum x_i^2 - \left(\sum x_i\right)^2\right) \cdot \left(n \sum y_i^2 - \left(\sum y_i\right)^2\right)} $$Unsicherheiten der Regressionsparameter
Für die zugehörigen Fehler der Regressionsparameter gilt:
Unsicherheit der Steigung \(\Delta m\):
$$ (\Delta m)^2 = \frac{n}{n-2} \cdot \frac{\sum y_i^2 - m \cdot \sum x_i y_i - b \cdot \sum y_i}{n \sum x_i^2 - \left(\sum x_i\right)^2} $$Unsicherheit des Achsenabschnitts \(\Delta b\):
$$ (\Delta b)^2 = \frac{\sum x_i^2}{n} \cdot (\Delta m)^2 $$Übung: Lineare Regression von Hand berechnen
Berechnen Sie für den folgenden Datensatz (\(n = 5\)) die Steigung \(m\), den Achsenabschnitt \(b\), deren Unsicherheiten \(\Delta m\) und \(\Delta b\) sowie das Bestimmtheitsmaß \(R^2\) von Hand.
| Nr. | \(x_i\) | \(y_i\) |
|---|---|---|
| 1 | 1 | 2,1 |
| 2 | 2 | 3,9 |
| 3 | 3 | 5,5 |
| 4 | 4 | 7,2 |
| 5 | 5 | 9,1 |
Schritt 1: Zwischensummen berechnen
Addieren Sie die Werte spaltenweise auf. Diese Summen werden für alle weiteren Berechnungen benötigt.
Schritt 2: Steigung und Achsenabschnitt berechnen (auf 2 Nachkommastellen)
Setzen Sie die Zwischensummen in die Formeln ein. Der Nenner ist bei beiden gleich: \(N = n \sum x_i^2 - \left(\sum x_i\right)^2\).
Schritt 3: Unsicherheiten berechnen (auf 2 Nachkommastellen)
Berechnen Sie die Unsicherheiten \(\Delta m\) und \(\Delta b\) mit Hilfe der obigen Formeln. Setzen Sie dazu die Zwischensummen sowie die berechneten Werte für \(m\) und \(b\) ein.
Schritt 4: Bestimmtheitsmaß berechnen (auf 3 Nachkommastellen)
Das Bestimmtheitsmaß \(R^2\) gibt an, wie gut die Regressionsgerade die Daten beschreibt.
Interaktive Regression
Geben Sie eigene Messwerte ein oder passen Sie die Beispieldaten an. Die Regressionsgerade wird live berechnet und angezeigt.
| Nr. | x | y |
|---|---|---|
| 1 | ||
| 2 | ||
| 3 | ||
| 4 | ||
| 5 | ||
| 6 | ||
| 7 | ||
| 8 | ||
| 9 | ||
| 10 | ||
| 11 |
TippRegressionsergebnisse
Steigung: \(m\) = ±
Achsenabschnitt: \(b\) = ±
Regressionskoeffizient: \(R^2\) =
Modul 7: Nichtlineare Zusammenhänge linearisieren
Variablensubstitution für die lineare Regression
Skript: Kap. 4.4.1, S. 19 (PDF öffnen)
Schritt 1: Warum linearisieren?
Das Problem
Die lineare Regression aus Modul 5 funktioniert nur für Zusammenhänge der Form \(y = m \cdot x + b\). Viele physikalische Gesetze sind aber nichtlinear — sie enthalten Quadrate, Wurzeln, Exponentialfunktionen oder Potenzen. Würde man die Messdaten direkt auftragen, könnte man keine Regressionsgerade berechnen.
Die Lösung: Durch geschickte Variablensubstitution bringt man den Zusammenhang in eine lineare Form. Dann lässt sich die Regression anwenden, und aus Steigung und Achsenabschnitt können die gesuchten physikalischen Größen berechnet werden.
Die drei wichtigsten Typen
| Typ | Zusammenhang | Substitution | Lineare Form |
|---|---|---|---|
| Quadratisch | \(y = a \cdot x^2 + b\) | \(u = x^2\) | \(y = a \cdot u + b\) |
| Exponentiell | \(y = a \cdot e^{b x}\) | \(\ln\) beider Seiten | \(\ln(y) = bx + \ln(a)\) |
| Potenzgesetz | \(y = a \cdot x^b\) | \(\ln\) beider Seiten | \(\ln(y) = b\cdot\ln(x) + \ln(a)\) |
TippVorgehen bei der Linearisierung
Sobald Sie eine nichtlineare Formel für die Regression verwenden sollen, gehen Sie so vor:
- Wie lautet der theoretische Zusammenhang?
- Welchem Typ entspricht er (quadratisch, exponentiell, Potenz)?
- Welche Größe kommt auf die x-Achse, welche auf die y-Achse?
- Was bedeuten Steigung und Achsenabschnitt physikalisch?
Schritt 2: Beispiel — Freier Fall
Wir arbeiten die Linearisierung Schritt für Schritt an einem konkreten Beispiel durch.
Ausgangslage
Beim freien Fall gilt für die Fallstrecke \(s\) als Funktion der Fallzeit \(t\):
$$ s = \frac{1}{2}\,g\,t^2 $$
Ziel: Die Erdbeschleunigung \(g\) soll durch lineare Regression bestimmt werden.
Schritt für Schritt
1. Typ erkennen: \(s\) hängt quadratisch von \(t\) ab → quadratischer Typ.
2. Substitution: Wir setzen \(u = t^2\). Damit wird:
$$ s = \frac{g}{2} \cdot u $$
Das hat die Form \(y = m \cdot x\) mit \(y = s\), \(x = u = t^2\) und Steigung \(m = g/2\).
3. Auftragung: \(s\) auf die y-Achse, \(t^2\) auf die x-Achse.
4. Physikalische Größe: Aus der Steigung \(m_{\text{reg}}\) der Regressionsgeraden folgt:
$$ g = 2 \cdot m_{\text{reg}} $$
Verständnisfrage
Die Regression ergibt eine Steigung von \(m_{\text{reg}} = 4{,}89\,\text{m/s}^2\). Wie groß ist die Erdbeschleunigung \(g\)?
Modul 8: Protokoll erstellen
Überprüfen Sie Ihren Fortschritt und exportieren Sie Ihr PDF-Protokoll
Skript: Kap. 5, S. 20–24 (PDF öffnen)
Modulübersicht
Hier sehen Sie den aktuellen Status aller Module. Schließen Sie alle Module ab, um das vollständige Protokoll zu erhalten.
| Modul | Status |
|---|---|
| 1. Protokollführung | — |
| 2. Messfehler | — |
| 3. Rechengenauigkeit | — |
| 4. Statistische Kennzahlen | — |
| 5. Fehlerfortpflanzung | — |
| 6. Lineare Regression | — |
| 7. Linearisierung | — |
Noch nicht alle Module abgeschlossen
Sie können das Protokoll trotzdem exportieren. Nicht abgeschlossene Module werden im PDF als „Offen" markiert.
PDF-Protokoll exportieren
Das Protokoll enthält Ihren Namen, die abgeschlossenen Module und Ihre berechneten Ergebnisse.